"Virtuel - Sound"



    Krzysztof Zgraja

    THEATERMUSIK
    OUVERTÜRE

1. Zur Realisierung des Werkes braucht man unbedingt: eine Gruppe vortragender Künstler, eine Bühne mit der üblichen Ausrüstung und ein Publikum.

2. Die Gruppe, der vortragenden Künstler bilden Instrumentalisten, die auf der Bühne und unter dem Publikum sitzen, zwischen den Reihen, im Rang, d.h. im ganzen Theatersaal.

3. Der Platz der Aufführung der "Theatermusik" ist durch folgende Elemente bedingt: das Haus hat einen Computer zur automatischen Regulierung der Beleuchtungspunkte zur Verfügung, die Möglichkeit eines programmierten Einschaltens von 2 oder 3 Videorecordern und eines Diaprojektors. Als Beleuchtungspunkte fungieren die Notenpulte der Musiker.

4. Vom Publikum verlangt man aktive Teilnahme an der Vorstellung, reagieren auf Information, die auf den Fernsehmonitoren im Saal erscheinen.

1. Die Aufführung findet im dunklen Saal statt, nachdem das Publikum Platz genommen hat.

2. Die Aufführung findet ohne Dirigenten statt seine Rolle übernimmt der Beleuchtungscomputer.

3. Im Computer ist die Reihenfolge des Aufblitzens aller Lichtpunkte, das Ein- und Ausschalten der Videorecoder und des Diaprojektors gespeichert, d. h. durch den Computer ist die formale Struktur des Werkes präzise festgelegt.

4. Das Aufblitzen der Beleuchtung ist das einzige Signal für den Instrumentalisten zur Ausführung des nächsten Teils der Partitur.

5. Er führt nur ein Blatt vor - nach dem Erlöschen des Lämpchens soll das folgende Blatt der Partitur vorliegen.

6. Die einzelnen Musiker sind nicht wie bisher verpflichtet, die Zeit zu bemessen - die Aufgaben ihrer Partie sollen präzise realisiert werden.

7. Die Fernsehmonitore im Publikum sollen so angebracht sein, daß bestimmte Gruppen deutlichen visuellen Kontakt mit jeweils einem Empfänger haben.

8. Eine Projektionswand soll ähnlich wie im Kino angebracht sein, ohne die Künstler auf der Bühne zu verdecken.


    II. AKT

1. So kann man sich eine Aufführung vorstellen...

2. Das Publikum hat Platz genommen und das Licht verlöscht langsam.

3. Eine Zeit lang herrscht Dunkelheit und Stille, man sieht nichts und wird selbst nicht gesehen.

4. Plötzlich leuchtet an der linken Seite in der Nähe der Bühne ein Licht auf, das die Konturen des Notenpults hervortreten läßt, gleichzeitig ertönt ein leiser, tiefer Celloton (z. B. das tiefe Cis) - pianissimo ohne vibrato, dann crescendo mit vibrato bis hin zum mezzoforte....

5. Das Licht verlöscht, der Ton stockt, man hört das Geräusch des gewendeten Blattes.
STILLE.

6. Dasselbe Licht leuchtet auf-, das Cello setzt das Cis fort - mezzoforte mit starkem K und erreicht rasch ein gewaltiges fortissimo...

7.- In der RECHTEN ECKE DER BÜHNE erscheint der Schlagzeuger und erzeugt einen Ton im mittleren Register des Vibraphons, ohne Ausklingen. Beide Scheinwerfer verlöschen.
PAUSE.

8. Licht auf das Vibraphon, langsam, sehr rhythmisch- wird durch die gesamte Tonskala des Instruments eine atonale Melodie gespielt, mit kurzen Vorschlägen. Der Rhythmus der Haupttöne behält seine Schärfe, obwohl verschiedene leise Vorschläge den Vorrang der Haupttöne stören wollen, bis sich das Schema stabilisiert...

9. Gleichzeitig leuchten über vier Notenpulten die Lämpchen auf: Flöte, beide Geigen und Fagott. In unregelmäßigen Wiederholungen erzeugt das Fagott einen schrillen, knirschenden Mißklang, die Geigen realisieren einen sanften, dynamisch pulsierenden Tonkomplex aus sechs Tönen im niedrigen Register, während die Flöte ein "h2" mit einem gleichzeit falsett gesungenen, zitternd tönenden "ais2" auflegt.

10. Der Mehrklang der Geigen wird lebhafter, das glissando steigt, verstimmt und verstummt langsam im diminuendo im höchsten Register. Es verstummen auch das Fagott und das Vibraphon mit ihrem "stolpernden" Marsch.

11. Im Raum bleibt nur die Flöte mit der tönenden Prim-Sekunde. Sie beginnt jetzt eine kurze, zweistimmige Solopartie, langsam und ohne Gesang mit starkem Vibrato - in einigen Sekunden sinkt sie bis zum "c1".

12. Wieder erklingt das Cello mit einem einzelnen Ton, dem mittleren "cis", so laut wie die Flöte. Diese Septime schließt eine kleine Introduktion ab.

13. Bis jetzt sind nicht mehr als 2 3 Minuten vergangen. Im Folgenden leben die anderen Instrumente auf - es sind einige zehn. Mitten auf der Bühne steht ein Klavier. Der Pianist "wühlt" im Inneren des Instruments, indem er sanft vor allem die Baß-Saiten streicht und sie derart ununterbrochen zum Klingen bringt; das Knirschen mischt sich mit dem gedehnten Heulen der hohen Obertöne, das Knacken ergibt im tiefen Tönen die hohen Obertöne.

14. Das Schlagzeug realisiert kurze Schläge auf verschiedenen Schlaginstumenten - kurz und präzise.

15. In der Mitte, zwischen dem Publikum sitzt die Tuba, die abgebrochene Phrasen moduliert, ziemlich laut. Das Instrument ist unvollständig und wird ständig Konstruktionstransformationen unterzogen..

16. Hinten rechts fängt die Harfe melodische Motive auf, die von der Bühne kommen, wiederholt sie mehrmals immer leiser, so daß der Eindruck eines Echos entsteht.

17. Licht und Ton beginnen simultan die Sinne des Publikums zu erregen. Generell herrscht Halbdunkel - das Aufblitzen der Lampen lenkt die Aufmerksamkeit auf die Fernsehmonitore im Publikum. Bisher blieben sie unbemerkt. Dasselbe gilt auch für das Publikum.


    III. AKT

1. Durch die Lampen sind Klavier und Vibraphon zum Klingen gebracht worden, auch die sanften Geigentöne, die mit den plätzlichen Tuba und Cellostößen kontrastieren. Die gewaltigen Läufe der Flöte und des Fagotts werden durch "Schreie" des Schlagzeugs und des Klaviers unterbrochen. Einen Teil der melodischen Phrasen nimmt die Harfe hinten im Saal auf, um sie als Echo im ausklingenden Diminuendo weiterzuführen.

2. Die Musik verliert sich nicht im Chaos. Ab und zu wird eine bestimmte rhythmische Ordnung fixiert wegen der Anmerkung in den einzelnen Partien, "sich an die rhythmische Pulsation eines anderen Musikers anzupassen".

3. Den nächsten Zeitabschnit füllt der in "mp" stehende Akkord aller Instrumente aus. Der links stehende Monitor wird eingeschaltet. Es erscheint die Aufforderung. "Einladung des Publikums zur Teilnahme". Das Publikum soll dem stehenden Akkord sein leises Summen hinzufügen.

4. Erst leise, dann immer lauter werdend erfüllt das ansteigende Gemurmel vieler Stimmen den Saal. Durch die nächste Aufforderung " lauter" erreicht das Summen "forte" - dabei verstummen die Instrumente.

5. Der rechte Monitor fordert auf, ein moduliertes Zischen, Sausen oder Pfeifen zu erzeugen.

6. Das Publikum ist Darsteller. Im Saal herrscht völlige Dunkelheit, nur die beiden Monitore wechseln die Dispositionstafeln und durch das Summen und Zischen verwandelt sich das Publikum in einen großen, ultramodernen Chor.

7. Der dritte Monitor für die hinteren Reihen führt ein Singen sich verändernder Vokale durch tiefe Männerstimmen ein, die Tonhöhe spielt keine Rolle.

8. "Alles was hörbar ist, ist potentieller Stoff für das Schaffen von Musik."

9. Schlagzeug und Piano schließen sich nacheinander an. Durch den Monitor (alle?) erfolgt die Anweisung, zweimal in großem Zeitabstand in die Hände zu klatschen. Die Aufgaben des Schlagzeugs übernehmen die Streichinstrumente und die Tuba.Die Pikkoloflöte spielt im hohen Register eine schnelle, metrisch zerrissene Melodie.

10. Einer der vorderen Monitore gibt die Anweisung: "Vom Summen auf das Singen seiner Skala wechseln - a-o-u-i-e"; inzwischen geht das Summen in die hinteren Reihen über, das einzelne Klatschen erzeugt einen selbstständigen, wandernden Rhythmus, der im ganzen Saal herumspringt.

11. Die stehenden Klangflächen des Publikums werden um die Akkorde der Instrumente bereichert und umgekehrt.

12. Die Klangflächen verlagern sich von der Bühne über das Publikum und füllen den ganzen Saal.

13. Von Zeit zu Zeit verlöschen die Monitore, es bleiben nur Instrumentalgruppen oder Solisten. Es verstummt das vereinzelte Klatschen des Publikums.

14. Ohne Dirigenten, ohne Zwang haben alle Anwesenden aktiv teilgenommen - das Halbdunkel erleichtert dem Publikum das Spiel seiner Rolle.
Der Projetor projeziert auf die Leinwand für alle:
"Einige Sekunden Stille"
anschließend
„FINE"


15. Das Licht geht an.

    FINALE


Es gibt zwei grundsätzliche Realisierungsarten der "Theatermusik":

    I. entsprechend der oben definierten Elemente, im Falle einer Vorbestellung, mit genau progrmmierten Einzelheiten des Verlaufs,

    oder

    Il. - durch das Durchlesen des Textes werden die Leser veranlaßt zum bewußten, nicht erzwungenen Vorstellen der eigenen Version, die in der Phantasie eines jeden Lesers durchaus individuell, schöpferisch und unwiederholbar lebt.

Krzysztof Zgraja



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