"Rundfunk"



"DIE SCHLINGE" -/scenario eines experimentelles Hörspiels - 1987-

I.

1. Vorbemerkungen: Die Handlung geschieht gegenwärtig.
Dauert vierundzwanzig Stunden. Das Datum wird durch eine
zufällig während der Produktion des Hörspiels aufgezeichnete
wichtige Nachricht des Tages (jetzt also noch nicht vorher-
sehbar) bestimmt.

2. Die Personen: Er, Sie; Er, im Alter zwischen 40-50,
kinöerlos. Alles Wichtige in ihrem Leben ereignete sich
schon - übrigens ohne, daß sie es wüßten.

3. Ort der Handlung: Eine Zweizimmerwohnung - Küche, Schlaf-
wohnraum, Diele und Bad - in einem Mehrfamilienhaus -viel-
leicht in einem Wohnblock-.

4. Hauptrolle spielen die "hörbaren Effekte" der uns umge-
benden Wirklichkeit.

II.

1.
- Anfang - "Musik des Schlafes" (etwa 2-3 Minuten):
Lange Tonflächen, innig verbundene Mischung von elektroni-
schen und akkustischen Farben. Horizontale Synthesizer-
klänge, lange Flötenphrasen mit Nachhall, Klavierakkorde
„ohne Anschlag", d.h., gleich nach dem Anschlag des Akkordes
wird er auf dem Tonmischpult mittels des Lautstärkehebels
von Null herausgeholt. Echos, Nachhall. Fetzen deformierter
Gespräche. Teile des Bandes werden rückwärts abgespielt,
einige unidentifizierte klang-räumliche Effekte, die wenig
selektiv miteinander, nicht besonders laut, auf einem tiefen
beweglichen Hintergrund (manchmal ausschließlich das Nach-
hallsignal) gemischt sind - das Tempo ohne Eile und ohne
Melancholie. Zwei deutliche Crescendi und Decrescendi ein-
führen. Gegen Ende ein sehr verunstaltetes - ton- und höhen-
mäßig mittels eines Modulators verändertes - Drillen eines
Weckers.

2.
Wachsendes, aufdringliches Scheppern des Weckers - dynamisch
viel lauter im Verhältnis zu der „Musik des Schlafes „ -
auf einem nahen, sich annähernden Hintergrund. Immer näher.
Nach einer kurzen Zeit noch eine Intensivierung der Dynamik.
Viel später als wir es erwarten würden ein Knattern und das
Ausschalten des Weckers ... Es bleibt nur ein leises, be-
scheidenes Ticken der Uhr. Zurückführung in den weiten Hin-
tergrund - ein Moment authentischer Stille /aus dem Studio/
..... Eintretende Geräusche der raschelnden Bettwäsche
/z.B. im linken Kanal/ - Sie steht auf, bekleidet sich
mit etwas, zieht die Hausschuhe an Sich entfernende
Schritte auf Gummisohlen. Weicher Teppichboden Gleich-
zeitig /z.B. im rechten Kanal/: - Er dreht sich auf die andere
Seite um! /Matratze, Federn/. Aufziehen der Bettdecke, ein
Seufzer, der Unzufriedenheit ausdrückt. Langsam sich inten-
sivierendes Ticken des Weckers. Nach einer kurzen Weile
sieben Schläge der Standuhr - Dieser Gong wird im weitern
Handlungsablauf genau den Zeitablauf bestimmen.
Er steht auf. Tontricks wie vorher, aber etwas schneller -
Lederhausschuhe, Schritte /ohne Überblendung/ führen uns in
einen anderen Raum, das Ticken des Weckers und der Standuhr
hört auf.
Stattdessen werden langsam Geräusche hörbar, die von außen
kommen: Der Milchmann - das Geräusch der /leeren und vollen/
Milchflaschen, die aneinander stoßen; Starten verschiedener
Automotore; Das Ausleeren der Mülltonnen mit typischem
Zischgeräusch des Müllwagens.
All diese Toneffekte so aufgenommen, damit man eine Raum-
distanz zu der Geräuschquelle empfindet - so als ob das
Mikrophon im Zimmer stünde und durch verschlossene Fenster
aufnehmen würde.
Auf das im Vordergrund aufgenommen...

3.
Schwere Schritte am Parkett /kurz/, das Öffnen der Tür
zum Bad, Veränderung des Schrittgeräusches in ein für Flie-
senboden typisches. Aufdrehen zweier Wasserhähne, das Wa-
schen der Hände, Putzen der Zähne, elektrischer Rasierap-
parat /im Hintergrund hört man das Pfeiffen des Teekessels/.
Das Wasser wird zugedreht, die Tür zugemacht, Schritte in
Richtung Küche /PVC-Boden/. Gleichzeitig verschwinden die
Geräusche von draußen.

4.
Das Frühstück: Das Klopfen mit der Gabel auf den Teller,
Öffnen eines Eies, Einschütten und Umrühren des Zuckers im
Tee, Schmieren eines vertrockenen Brotstückes oder gestrigen
Brötchens ... Das Radio wird eingeschaltet / der Klang und
die Stimme sind nicht deutlich hörbar, man kann den Inhalt
der gelesenen Nachrichten nicht deutlich verstehen; Kaum
kann man die Zeitangabe: "Sieben Uhr siebenunddreißig"
erraten, - Man hat den Eindruck als ob keiner dem Radio
zuhören würde, und es eher aus Gewohnheit und nicht, um
irgendwelche Informationen zu bekommen, angemacht wurde
- insgesamt also, ein unbedeutender aber hörbarer Hinter-
grund/....

ER: -"Ich kann nicht essen"... /mit erschöpfter Stimme/.
Die ersten Worte des Tages - ungewollte, überflüssige, all-
täglich wiederholte, nichts verändernde... Er steht auf
vom Tisch, schlißt seine Tasche, zieht mit einem charakte-
ristischen Rascheln den Regenmantel an. Schritte in Schuhen
am Parkett ....

SIE: -"Nimm den Regenschirm mit..." - /ohne Enthusiasmus,
ungern/.

ER: -"Eeee..." - einige sich entfernende Schritte, das
Öffnen und leichtes Zuschlagen der Tür, Umdrehen des Schlüs-
sels im Schloß. Ausklingen aller Signale. Rückkehr des
Tickens der Standuhr ...

5.
Aus der Überblendung heraus: Geräusche des Geschirrspülens,
Rauschen des fließenden Wassers, des Bettenmachens, Schritte
hin und her zwischen Küche und Schlafzimmer, leise hörbares
Radio - man kann nichts verstehen. Nach einer Weile wird
der Staubsauger mit seinem lästigen Heulen eingeschaltet.
Einige Zeit danach: zehn Schläge der Standuhr, vermischt
mit ziemlich selten vorbeifahrenden Fahrzeugen: einige
Pkws, ein Mofa, ein Lkw.
Plötzlich klingelt das Telephon

SIE: - /lebhaft/ ... „Ja" ... Pause /entmutigt/... „Nein"...
Pause „Nein" /drängend/ „Neeeein" . . . Pause
„Ich schau' gleich nach"... Schritte einer sich entfernenden
Person, Rascheln des Papiers .... Pause. Wiederkehrende
Schritte. „Noch sieben Stück" . . . Bissig und vorwurfsvoll:
„Ich hab 's doch gesagt". . . Ohne Abschied, etwas murmelnd,
legt den Hörer ab... Langeweile... Geht zum Radiogerät
hin, stellt die laufende Sendung lauter ein, hört eine
Weile zu, dann sucht sie andere Sender. Sie hört weder
einem Jazzstandard noch der neuzeitlichen Musik und auch
nicht dem modernen Rock zu ... Sie akzeptiert und gibt sich
mit einem kommerziellen, ziemlich billigen Hit zufrieden
Nach einer Weile hört man immer deutlicher einen ankommenden
Pkw... Der Motor wird abgestellt, die Tür zugeschlagen ...
Kurz danach hört man die Klingel an der Tür... Sie geht hin
und öffnet.

6.
SIE: - „Komm herein schnell" ... Schritte in Richtung
Schlafzimmer; Das Rascheln der Kleidung, die schnell ausge-
zogen wird: Zwei Reißverschlüße, Gummi, Bettwäsche, Matra-
tze. Zu schnelle Liebkosungen und Zärtlichkeiten, leichtes
Stönen der Frau /wachsender Nachhall, gleichzeitig lauter
werdende Musik: Flöte, Gong, Piatti/. Zum Schluß aus dem
Nachhall in in die Wirklichkeit wiederkehrende menschliche
Stimmen. Kurze Pause. Dann einige Schritte barfuß, Duschen,
schnelles Anziehen - schweigend.
SIE: - „Geh schon... schnell... Ich muß bald weg...."
- gesagt während des Anziehens.
Seine Schritte zur Tür /leise und schleichend/ ... Kurz
danach wiederholtes Öffnen und Zuschlagen der Tür, dreifach-
es Zuschließen der Tür - drei verschiedene Schlößer, .....
Einige Sekunden Stille.

7.
Leere Wohnung - jetzt befinden sich in ihr nur die Mikropho-
ne und die Zuhörer.
Anmerkung:
Diese Szene wird, wie folgt, realisiert: Zusammenstellung
verschiedener akkustischer Effekte (Waschautomat, Spülma-
schine, Geschirr- und Gläsergeräusche, Gespräche, Streit,
Gesang mit Begleitung eines verstimmten Klaviers oder einer
solchen Gitarre, das Ticken verschiedener Uhren, etc.)
Man kann nichts davon eindeutig identifizieren. Sobald
irgendetwas sich klar erkennbar zu machen beginnt, ver-
schwimmt es im Nachhall.

8.
Nach einer langen Pause vier Schläge der Standuhr.
Das Aufschlieáen der drei Türschlößer. Schritte - Sie kehrte
zurück. Ausziehen des Mantels. Schritte von der Diele in die
Küche /schwer und erschöpft/. Mit Erleichterung stellt sie
die volle Einkaufstasche ab. Sie ruht sich einen Augenblick
aus. Sie geht zum Fenster hin, öffnet es. In das Zimmer
dringt das Lachen spielender, sorgloser Kinder hinein.
Wütend schlägt sie das Fenster zu und löscht damit die
Geräusche der Kinderfreude. Langsam, immer häufiger und
lauter hört man die gegen das Fensterbrett schlagenden
Regentropfen. Nach einer Weile verwandelt sich das in einen
Regen und bald in einen Regensturm. Noch ein stärkerer Don-
ner und im Vordergrund ruhiges Vorbereiten des Mittagessens
/Anzünden des Gasherds, Umstellen leerer Töpfe, Reiben
und Schnipseln vom Gemüse/.
Darauf ... /von Weitem/

9.
Das Knirschen des Schlüssels im Schloß. Er kommt hinein,
stellt die Tasche auf dem Boden - fröhlicher Klang aufeinan-
der prallenden Flaschen.

ER: - Murmelt irgendetwas unter der Nase zur Begráung.
Fünf Schläge der Standuhr.

SIE: - „Hast' getrunken?"... Fragt sie vorwurfsvoll, aber
unsicher.

ER: - „Ahmed ... Ahmed gab einen aus ... iss wieder Vater".
Sie beschäftigt sich weiterhin mit Vorbereitung des Mittag-
essens.

SIE: -"Wasch die H„nde ... Komm essen" / nicht berzeugend,
hoffnungslos/.

ER: -"Eeee ..."/wie beim Frühstück.
Im tiefen Hintergrund regnet es immer weniger... Sie öffnet
wieder das Fenster: Man hört die zwitschernde Vögel und
fröhlich spielende Kinder.
Er nimmt die Zeitung /raschelndes Papier/, zündet sich
eine Zigarette an /mit einem Streichholz/. Auf den Tisch
wandert eine Flasche Schnaps und Gläser.

ER: - „Trinkst 'nen mit..." in Richtung Küche, woher keine Antwort kommt.
Er schenkt sich ein Glas ein, nimmt die Zeitung, zündet
die nächste Zigarette an.

ER: - „Trinkst 'nen mit ?..." - die Frage wiederholt sich
3-4 Mal, jeweils ohne Antwort. Es wiederholen sich auch
die Geräusche der geblätterten Zeitung, des Einschenkens
und es kommt ein kommentiertes Fußballspiel aus dem Fernseh-
gerät hinzu /jede Wiederholung erfolgt mit einem immer
stärker werdenden Nachhall, bishin zur völligen Verschwom-
menheit und zum Ausklingen/. Zehn Schl„ge der Standuhr.

10.
Geräusche der Matratzen und der Bettwäsche beim Ins-Bett-
Gehen /Rascheln der Bettdecke und der Schlafanzüge/. Pausen.
Flüstern /Er/... Pause... Kuß an die Wange, Streicheln ...
Pause... Kuß, Streicheln, schneller Atem /Er/, Flüstern,
Streicheln.

SIE: - „Wart' doch ..." /abweisend/.

Fortsetzung der Liebkosungen, von ihr deutlich nicht akzep-

SIE: - „...hab' keine Lust"... Pause. Rascheln der Bett-
wäsche /wütend/. Stille ... Anmachen des Lichts /Klick/.

SIE: - „Rauch nicht!" /befehlend/. Feuerzeug, Zigarettenzug,
... Anmachen des Radiogeräts, schnelles Suchen eines Senders
Ausschalten des Geräts und der Nachttischlampe. Stille.

11.
Einschlafen. Wachsender Flüsternchor. Menschenmenge im
Stadion. Zeit- und Raumstörungen /unkonsequente Springe
in die Vergangenheit, Fetzen verschiedener Geräusche/.
Dies alles bis zum Eintreten der "Musik des Schlafes" vom
Anfang des Hörspiels. Zwei, drei Minuten intensiver werden-
den Musik. Daraus tauchen zwei Elemente auf: Im Vordergrund
aufdringliches Ticken des Weckers, gleichzeitig nähert
sich der Klang der Standuhrschläge. Man hört deutlich, daß
sie mehr als zwölf Mal schlägt, und damit auch nicht mehr
den Zeitablauf bestimmt, sondern andeutet, daß alle nächsten
Tage auf gleiche Weise ablaufen werden, ohne Hoffnung auf
wesentliche Veränderungen.
    Krzysztof P.Zgraja

Aus der polnischen Sprache
übersetzt von

Sebastian Zgraja (1989)


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