"Was Musikerlnnen verbindet, ist Improvisieren"


Lehrerfortbildung vom 08. bis 10.05.1998 in Goslar

Improvisieren heißt, Zeit mit Musik auszufüllen. So einfach ist das. Oder doch nicht? Da sitzen bei einer Fortbildung elf FlötistInnen in einer zunächst "fremdelnden" Runde, und Lehrgangleiter Krystof Zgraja sagt: "Improvisieren Sie doch einfach mal."... Da kommen Ängste auf. Das "Sich öffnen" beim Musizieren ist ohnehin schon immer ein mehr oder weniger kleines Problem, wenn andere zuhören. Aber die Noten bilden immer einen kleinen "Schutzwall". Und jetzt einfach so - das ist nicht leicht. Irgendwann sprang dann doch jede/r über die Hürde und versuchte es. Und Herr Zgraja analysierte jede noch so kleine Improvisation, und wir staunten nicht schlecht, daß elf verschiedene Strukturen herauskamen. So hat Krystof Zgraja mit großen fachlichen Können und Wissen, gepaart mit menschlichem Einfühlungsvermögen gleich zu Anfang die Blockade des "Fremdelns" gebrochen.
Was MusikerInnen verbindet, ist Improvisieren. So stellte sich Zgraja auch auf unsere Wünsche und Fragen ein und spulte nicht einfach ein Programm ab. Besonders interessant war auch das Reaktionsspiel: Natürlich kann man a-moll von G-Dur unterscheiden; wenn man da sitzt und zu einem vorgegebenen Akkord (a-moll) eine kleine Improvisation machen soll (Konzentration!), und irgendwann wechselt der Akkord nach G-Dur, wird es mit dem Reagieren schon schwieriger, wie wir feststellen mußten.
Aber natürlich gibt es auch Noten: Krystof Zgraja hat in den letzten Jahren gerade aus der pädagogischen Praxis heraus eine große Zahl von Werken für eine bis vier Flöten geschrieben. Spielerisch mit diesen Stücken konnten wir dann Jazz-Formen und Artikulationen ausprobieren. Und in allem war Zgraja nicht der belehrende Lehrer, sondern der überaus verständnisvolle Partner, der uns den bzw. die Wege wies.
Schließlich lernten wir die Elektronik mit Effekt-Geräten wie Echo und Delay kennen. Das Echo ist ein Naturphänomen; warum es nicht in den einfachen Raum holen? Speziell für Musiker wurde ein Gerät entwickelt, bei dem es möglich ist, nach bestimmten Vorberechnungen genau das Echo (Nachhall) z. B. des Kölner Doms zu erzeugen. Wir konnten ausprobieren, die Kanonischen Sonaten von Telemann sozusagen mit uns selbst zu spielen; nur hat das Gerät prekärer Weise die kleinste Ungenauigkeit genauso wiedergegeben... Zgraja machte auch vor, wie ein einzelner Flötist wie ein ganzes Flötenorchester klingen kann. Das Delay andererseits verfremdet einen Klang so, daß das Spektrum des Tones hörbar wird, also die Obertöne hörbar gemacht werden. Und und und... ; die Vielzahl von Eindrücken an diesem Wochenende läßt sich nicht niederschreiben.
Von der Erkenntnis: , Improvisieren heißt, Zeit mit Musik auszufüllen - und das geht! - bis hin zum Erstaunen, was Technik (sinnvoll angewandt) alles ernsthaft vermag: Krystof Zgraja führte uns in menschlicher, verständnisvoller Art, nicht müde werdend mit großem Sachverstand durch das ganze - viel zu kurze - Wochenende.


Theo Kinder
1.Vorsitzender der "Freunde der Querflöte e.V."


für "Üben & Musizieren", September 1998




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